01 st.nikolai filialkirche dachwerksanalyse fuchsberger

Als wir am Abend des 15. April des Jahres 2019 zusehen mussten, wie das Dach der Kathedrale Notre Dame von Paris in Flammen stand, wurden wir Augenzeugen der Zerstörung einer fast 800 Jahre alten Konstruktion aus Eichenholz. Erst nach stundenlangem Vollbrand stürzte sie in sich zusammen. Nur wenige Experten kannten das unter einer Bleideckung verborgene Meisterwerk aus der Bauzeit der gotischen Kathedrale. Das einzigartige Original ist unwiederbringlich verloren. In Österreich erinnert uns dieses dramatische Ereignis an den zerstörerischen Brand der mittelalterlichen Dächer des Wiener Stephansdoms am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Eine zeichnerische Bestandsaufnahme aus den 1930er Jahren dokumentiert, dass die Vorbilder für das Mitte des 14. Jahrhunderts errichtete Chordachwerk des Wiener Stephansdoms in der Île-de-France zu finden sind. Die Vergleiche sind anhand einer umfangreichen Typologie nachvollziehbar, die von einem wissenschaftlichen Team der staatlichen Forschungseinrichtung CRMH, dem Centre des recherches sur les monuments historiques, veröffentlicht wurde. Damit können wir uns in Österreich in keiner Weise messen. Denn es wurde hierzulande verabsäumt, beizeiten eine vergleichbare, moderne Forschungseinrichtung zu schaffen, die in der Lage wäre, die notwendigen Grundlagen zu erarbeiten.

Zu Beginn meiner freiberuflichen Tätigkeit als Bauforscher im benachbarten Bayern wurde mir der Stellenwert des historischen Zimmererhandwerks in Ansätzen bewusst. Eine der ersten Fragen bei der Begutachtung eines historischen Gebäudes ist unweigerlich die Einschätzung der Erbauungszeit seiner Dachkonstruktion. Es zeigte sich, dass es nur wenige konkrete Untersuchungen zu Einzelobjekten in Österreich gab, ganz zu schweigen von einem Überblick zu regionalen Entwicklungen und länderübergreifenden Einflüssen.

Daher gab es bald Überlegungen zu einem EU-Projekt, das jedoch in der Antragsphase mangels zeitgerechter Teilnahme eines institutionellen Partners aufgegeben werden musste. Schließlich wurde daraus ein privat organisiertes Projekt mit einer Teilfinanzierung aus dem Jubiläumsfond der Österreichischen Nationalbank. Im Zuge der Besichtigung von mehr als 1000 möglicherweise mittelalterlichen Kirchendachwerken wurden rund 300 Konstruktionen ausgewählt, gezeichnet, dokumentiert und dendrochronologisch datiert.

Der fünfteilige, nach Bundesländern geordnete Katalog bildet das Ausgangsmaterial für die hierarchisch gegliederte Dachwerks-Typologie, ausgehend von der Unterscheidung der Konstruktionsarten: Pfettendächer, Sparrendächer und Kehlbalkendächer unter der Berücksichtigung des Gebäudegrundrisses und Gebäudetyps, d. h. konkret der Saalkirchen bzw. einschiffigen Chöre, zweischiffigen und dreischiffigen Hallenkirchen sowie Staffelhallenkirchen. 
Auf dieser Grundlage konnte die Entwicklung von den ältesten erhaltenen Dachkonstruktionen im ostalpinen Raum bis zur Mitte des 16. Jahrhundert analysiert und zugleich Grundlagen für verschiedene Fachdisziplinen aus dem Handwerk und der Bautechnik, den Natur- und Geisteswissenschaften bereitgestellt werden.

hermann fuchsberger (hrsg.): mittelalterliche dachkonstruktionen
Überblick – Mittelalterliche Dachkonstruktionen in Österreich Band 1
hermann fuchsberger (hrsg.): mittelalterliche dachkonstruktionen
Kärnten – Mittelalterliche Dachkonstruktionen in Österreich Band 2
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Niederösterreich – Mittelalterliche Dachkonstruktionen in Österreich Band 3
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Oberösterreich – Mittelalterliche Dachkonstruktionen in Österreich Band 4
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Salzburg – Mittelalterliche Dachkonstruktionen in Österreich Band 5
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Steiermark – Mittelalterliche Dachkonstruktionen in Österreich Band 6
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